🔵 Hamas Schattenstaat in Gaza: Erpressung, Kriegssteuern und warum Entmilitarisierung die harte Voraussetzung für echten Frieden ist
Hamas Schattenstaat in Gaza ist keine Floskel, sondern die treffende Beschreibung eines Systems aus Zwang, Abgaben und Kontrolle, das den Alltag vieler Menschen im Gazastreifen prägt.
Wer über Gaza spricht, spricht fast immer über humanitäres Leid, über zerstörte Infrastruktur, über Hilfslieferungen und über Israels Militärpolitik. Das ist alles real, und das gehört auf den Tisch. Was dabei aber regelmäßig unter dem Teppich verschwindet, ist eine zweite Ebene, die über Leben und Tod, Hunger und Schutz, Angst und Kontrolle entscheidet: die Herrschaftsmaschine von Hamas.
Ein Report der italienischen Zeitung La Stampa zeichnet genau dieses Bild, nicht als abstrakte Theorie, sondern anhand von Zeugenaussagen aus Gaza und der Einordnung des aus Gaza stammenden Analysten Ahmed Fouad Alkhatib, der von Washington aus mit Kontakten im Gazastreifen arbeitet. Beschrieben wird ein System, das sich wie ein Schattenstaat verhält, mit “Ministerien”, mit Steuern, mit Schutzgeld, mit Gewaltapparat und mit der gezielten Nutzung von zivilen Orten, darunter Krankenhäuser, als Schaltzentralen.
Das ist keine Nebengeschichte. Wenn man verstehen will, warum Gaza nach einem Krieg nicht automatisch “befreit” ist, warum Hilfsgüter politisch werden, warum eine Waffenruhe nicht automatisch Sicherheit bringt, und warum Israel bei der Frage Entmilitarisierung so kompromisslos bleibt, dann führt an dieser Ebene kein Weg vorbei.
Hamas als Herrschaftsstruktur, nicht nur als Miliz
Ein zentraler Punkt in der Darstellung von La Stampa lautet: Hamas ist zugleich Miliz und Parallelregierung. Genau diese Doppelrolle macht Hamas so schwer zu verdrängen. Eine Miliz kann man militärisch schwächen. Eine Herrschaftsstruktur ersetzt man nur, wenn man Verwaltung, Ordnung, Versorgung und Sicherheitsmonopol neu organisiert, und zwar so, dass die Bevölkerung real spürt, wer am Ende des Tages die Regeln durchsetzt.
Die Zeitung beschreibt, dass Hamas in den letzten Monaten Krankenhäuser als Nervenzentren genutzt habe, darunter Shifa in Gaza City, Nasser in Khan Younis und Al Aqsa in Deir al Balah. Von dort aus seien zentrale Funktionen neu aufgebaut worden, darunter Innen für politische Repression, Wirtschaft für Abgaben und Strafen, sowie Finanzen zur Steuerung der Geldflüsse.
Die Einordnung ist wichtig, weil Krankenhäuser im Krieg Schutzräume sind und medizinische Infrastruktur nach humanitärem Völkerrecht besonders zu schützen ist. Wenn bewaffnete Akteure solche Orte als Verwaltungs und Repressionszentren missbrauchen, verknüpfen sich Schutz und Kontrolle, und Zivilisten sitzen buchstäblich zwischen allen Stühlen.
Zeugenaussagen über Einschüchterung, Zwang und Gewalt
La Stampa beginnt nicht mit Strategiepapieren, sondern mit Menschen. Ein Mann, der zuvor ein Geschäft besaß, berichtet, wie bewaffnete Hamas Leute nachts anklopften und ihn zwingen wollten, in Häusern nach Juden zu suchen, verbunden mit Drohungen.
Ein anderer Fall betrifft einen Händler, der nach Darstellung der Zeitung mit COGAT zu tun hatte, also jener israelischen Behörde, die unter anderem Abläufe rund um Einfuhr und Koordinierung in den palästinensischen Gebieten organisiert. Dieser Händler sei von Hamas festgesetzt, in ein Krankenhaus gebracht und dort eingeschüchtert worden, verbunden mit dem Versuch, erneut Tribute zu erpressen, nachdem er bereits in einem anderen Gebiet Schutzgeld gezahlt habe.
Die Botschaft dahinter ist brutal klar: Wer wirtschaftlich handlungsfähig bleibt, wird zur Zielscheibe. Und wer mit irgendeiner Form von Koordination zu Israel in Verbindung gebracht wird, riskiert in einem Hamas System nicht nur soziale Ächtung, sondern auch handfeste Gewalt.
Besonders erschütternd ist ein in La Stampa geschilderter Fall, in dem ein Jugendlicher nach einer Beschwerde über fehlende Lebensmittel aus einem Hilfspaket von einer internen Hamas Einheit erschossen worden sein soll. Die Zeitung stützt sich dabei auf Angehörigenaussagen.
Das muss man nüchtern sagen: Wenn ein bewaffneter Akteur Hilfe kontrolliert, entscheidet er nicht nur über Versorgung, sondern über Gehorsam. Dann wird Brot nicht nur Nahrung, sondern ein politisches Druckmittel.
“Kriegssteuern” und Schutzgeld, der ökonomische Motor der Macht
Der vielleicht wichtigste analytische Teil der Recherche betrifft die Finanzierung. Alkhatib beschreibt bei La Stampa, dass zuletzt wieder mehr Lastwagen in den Gazastreifen gelangt seien, sowohl mit humanitärer Hilfe als auch mit kommerziellen Gütern. Auf diese kommerziellen Waren, so seine Darstellung, erhebe Hamas Abgaben bis zu 50 Prozent, gestützt auf Zeugenaussagen und Berichte von Überläufern.
Dieses Muster ist in der Terrorfinanzierungsanalyse grundsätzlich bekannt: Gruppen, die Gebiet kontrollieren, finanzieren sich nicht nur über externe Geldgeber, sondern über Steuern, Zwangsgebühren und Erpressung. Genau das beschreibt auch das US-Finanzministerium in einer offiziellen Aussage zu klassischen Einnahmequellen terroristischer Organisationen, darunter Besteuerung, Schmuggel und Erpressungsmodelle.
Der Punkt ist entscheidend, weil er die naive Hoffnung zerstört, man müsse “nur genug Hilfe liefern”, dann werde alles besser. Hilfe, die in ein erpresserisches Abgabensystem fällt, stabilisiert am Ende auch dieses System, selbst wenn die Absicht humanitär ist.
Zur breiteren Einordnung gehört auch: In Kriegsökonomien entsteht häufig ein Parallelmarkt, auf dem Cash und Zugang zu Waren zur Machtfrage werden. Genau diese Logik taucht auch in anderen Berichten auf, etwa bei NBC News, das die Spannung zwischen Armut im Alltag und verfügbaren Geldströmen in Gaza thematisiert.
Die “Zeltsteuer” und der Alltag unter einem Zwangsregime
La Stampa beschreibt außerdem, dass Hamas nicht nur Händler, sondern auch vertriebene Familien finanziell bedränge, etwa durch Abgaben für das Aufstellen eines Zeltes auf öffentlichem Land, eine Art “Zeltsteuer”.
Man muss sich klarmachen, was das bedeutet: In einer Umgebung, in der Menschen ohnehin alles verloren haben, entsteht eine Situation, in der Schutz und Unterkunft nicht als Grundrecht behandelt werden, sondern als Gebührentatbestand. Das ist die Logik eines Regimes, das Zivilisten nicht als Bürger betrachtet, sondern als Ressource.
Zu dieser Machtlogik passt ein zweites Phänomen, das unabhängig davon berichtet wurde: der massive Bargeldmangel und ein System von Mittelsmännern, die teils extrem hohe Gebühren verlangen, damit Menschen überhaupt an ihr eigenes Geld kommen. Die Nachrichtenagentur AP beschrieb dafür Kommissionen, die bis zu 40 Prozent erreichen können, verbunden mit einem Zusammenbruch normaler Bank und Bargeldstrukturen.
Das ist keine Kleinigkeit. In einer Bargeldwirtschaft entscheidet Cash darüber, ob du Brot kaufen kannst, ob du Medikamente bekommst, ob du fliehen kannst. Wer Cash kontrolliert, kontrolliert Menschen.
Israel, die Blockade und der Kontext seit 2005
Eine klare Einordnung bedeutet nicht, so zu tun, als sei alles simpel. Sie bedeutet, die entscheidenden Zusammenhänge nicht auszublenden. Ein zentraler Punkt ist Israels vollständiger Rückzug aus Gaza im Jahr 2005: Israel räumte damals die Siedlungen und zog sein Militär dauerhaft ab. Dass daraus anschließend nicht automatisch „Frieden und Aufbau“ wurden, sondern Gaza 2007 nach innerpalästinensischen Machtkämpfen unter die Kontrolle von Hamas geriet, gehört zu den Schlüsselfakten der heutigen Lage.
Die Restriktionen an den Grenzen, inklusive israelischer und ägyptischer Blockadeelemente, werden international kontrovers diskutiert. Für Israel steht dabei ein Sicherheitsargument im Zentrum: Raketenbeschuss, Tunnelbau, Waffenimport, Entführungen und die offene Ausrichtung Hamas auf bewaffneten Kampf. La Stampa lässt Alkhatib dazu pointiert sagen, die Blockade sei aus seiner Sicht eine direkte Folge der gewaltsamen Hamas Machtergreifung und der militärischen Aufrüstung.
Das ist keine “PR”, sondern eine Sicherheitslogik, die man akzeptieren oder kritisieren kann, die man aber nicht wegdiskutieren kann: Kein Staat lässt eine feindselige, bewaffnete Organisation an seiner Grenze unbegrenzt aufrüsten.
Die Streitfrage Hilfsgüter, zwischen Vorwurf und Gegenbefund
Genau hier wird es kompliziert, und gerade deshalb lohnt sich journalistische Genauigkeit. Israel wirft Hamas seit langem vor, Hilfsgüter abzuzweigen, zu besteuern oder über Kontrolle von Verteilpunkten indirekt zu monopolisieren. Gleichzeitig berichtete Reuters am 25. Juli 2025 über eine interne USAID Analyse, die keine Belege für systematische Hamas Bereicherung an US-finanzierten Hilfsgütern in den untersuchten Vorfällen gefunden habe, bezogen auf dokumentierte Meldungen in einem bestimmten Zeitraum.
Dass diese Debatte sofort politisch explodiert, ist kein Wunder. Die Jerusalem Post griff die Reuters USAID Darstellung noch am selben Tag auf und argumentierte, die Analyse sei wegen Einschränkungen und Gegenmaterial nicht überzeugend, und verwies dabei auf weitere Hinweise und Berichte, die Hamas Missbrauch und Umleitung nahelegen sollen.
Beides kann gleichzeitig als Teil derselben Realität existieren, ohne dass man trickst: Systematische Umleitung von US Hilfsgütern ist eine eng definierte Behauptung mit bestimmten Nachweiswegen. Erpressung, “Steuern” auf Handel, Schutzgeld, Gebühren für Zugang und Kontrolle über Verteilorte sind andere Mechanismen, die ebenfalls eine Kriegsökonomie schaffen können. La Stampa berichtet vor allem über diese zweite Ebene, Abgaben, Einschüchterung und Kontrolle in einem Hamas System.
Für eine seriöse Einordnung bedeutet das: Behauptungen müssen trennscharf sein. Wo harte Beweise fehlen oder strittig sind, muss man das benennen. Und wo Zeugenaussagen und Muster auf ein Zwangssystem hindeuten, darf man das nicht wegwischen, nur weil es politisch unbequem ist.
Warum die Frage “Wer entwaffnet Hamas” der Kern bleibt
La Stampa stellt die Frage, die in jeder “Day after” Debatte wie ein Betonklotz im Raum liegt: Wer entwaffnet Hamas. Alkhatib beschreibt dort sinngemäß, militärisch könne das in letzter Konsequenz nur die israelische Armee durchsetzen, zugleich wäre der zivile Preis enorm, weil Hamas sich unter Zivilisten und in sensiblen Orten verstecke.
Genau an diesem Punkt kippen viele Debatten in moralische Abkürzungen. Die eine Seite macht daraus, Israel müsse deshalb einfach aufhören. Die andere Seite tut so, als ließe sich das Problem “wegverhandeln”, wenn man nur genug diplomatisch drückt. Die unangenehme Realität ist: Ein entmilitarisiertes Gaza ist ohne robuste Durchsetzung nicht erreichbar, und jede Struktur, die das leisten soll, muss Hamas entweder brechen oder ersetzen.
Dass Israel Ende 2025 bei Sicherheitsfragen nicht “locker lässt”, spiegelt sich auch in Regierungspositionen wider. Reuters berichtete am 23. Dezember 2025 über Aussagen des israelischen Verteidigungsministers, Israel werde in Gaza militärisch präsent bleiben, also genau aus der Logik heraus, dass ein Abzug ohne Entwaffnung und ohne Ersatzstruktur das alte Problem nur zurückstellt.
Wie fragil selbst eine Waffenruhe bleibt, zeigte sich am 24. Dezember 2025. Reuters berichtete über Israels Vorwurf, Hamas habe eine Waffenruhe verletzt, nachdem ein Offizier durch einen Sprengsatz verletzt worden sei, Hamas bestritt die Verantwortung. Auch AP schilderte den Vorfall als Belastung einer ohnehin fragilen Vereinbarung.
Das zeigt: Waffenruhe friert Konflikte ein, sie löst keine Machtfrage. Solange Hamas bewaffnet bleibt, bleibt Gaza ein Ort, an dem ein Regime mit Waffe über Alltag und Zukunft entscheidet.
Der Mythos “Hamas ist Gaza” und warum diese Gleichsetzung beiden Seiten schadet
Ein starker Teil der La Stampa Darstellung ist die Kritik an zwei toxischen Vereinfachungen: auf der einen Seite “alle in Gaza sind Hamas”, auf der anderen Seite “alle in Gaza sind Widerstand”. Beide Narrative löschen Menschen aus, und beide verhindern Lösungen.
Pro Israel zu sein heißt nicht, Gazaner pauschal zu Feinden zu erklären. Es heißt, das zentrale Unterscheidungsmerkmal ernst zu nehmen: Zivilbevölkerung ist nicht identisch mit einer bewaffneten Herrschaftsorganisation. Wer diese Unterscheidung nicht macht, liefert Hamas propagandistisch das perfekte Bild, weil Hamas genau davon lebt, sich als “Gaza selbst” zu inszenieren.
La Stampa zitiert Stimmen, die genau das Gegenteil sagen, Menschen, die Hamas fürchten, hassen und loswerden wollen, und die sinngemäß formulieren: Wir brauchen Hilfe, um Hamas loszuwerden.
Was daraus folgt…
Wenn man die Berichte ernst nimmt, ergeben sich harte, aber logische Konsequenzen.
Erstens: Gaza ist nicht nur ein humanitäres Problem, es ist ein Problem der Verwaltung und Kontrolle. Ohne eine Struktur, die Waffenmonopol, Rechtsdurchsetzung und Kontrolle über Geldflüsse übernimmt, bleibt jede Wiederaufbau Idee ein Luftschloss.
Zweitens: Wer wirklich verhindern will, dass Gaza zur Dauerkrise wird, muss das Hamas System als das benennen, was es ist: ein Zwangsregime mit Einnahmemodell. Kriegssteuern, Schutzgeld, Gebühren, Einschüchterung, das sind keine Randnotizen, das ist das Betriebssystem. Zur Einordnung der breiteren Finanzierungsmuster, inklusive externer Unterstützungswege und globaler Netzwerke, ist auch ein Überblick wie der der ACFCS hilfreich, der Hamas Finanzierung als komplexes Geflecht aus mehreren Quellen beschreibt.
Drittens: Humanitäre Hilfe braucht Mechanismen, die Missbrauch und Zwang so gut wie möglich begrenzen, ohne die Zivilbevölkerung zu bestrafen. Wenn Hilfe in eine Kriegsökonomie kippt, wird sie Teil des Problems. Das ist keine bequeme Botschaft, aber sie ist zentral.
Viertens: Israel hat in dieser Gleichung nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Pro Israel zu argumentieren heißt, Israels Sicherheitsinteresse als legitim anzuerkennen, und zugleich auf Lösungen zu drängen, die Zivilisten trennen von Jihadisten, nicht rhetorisch, sondern praktisch. Eine Politik, die diese Trennung nicht schafft, produziert nur neue Schleifen aus Krieg, Waffenruhe, Wiederaufbau, und wieder Krieg.
