Frühe Konflikte und der Aufstieg al-Husaynīs (ca. 1920 bis 1936)
Nach dem Ersten Weltkrieg stand das Gebiet Palästina unter britischer Kontrolle, und schon in dieser frühen Phase trafen dort zwei große politische Projekte frontal aufeinander: auf der einen Seite die britische Mandatspolitik, die sich an der Balfour-Deklaration von 1917 orientierte, auf der anderen Seite die wachsende arabische Ablehnung gegenüber britischer Herrschaft und gegenüber einer zunehmenden jüdischen Einwanderung.
Die Balfour-Deklaration war dabei mehr als ein diplomatisches Schreiben, sie wurde in der Region als Signal verstanden, dass Großbritannien die Errichtung einer „nationalen Heimstätte“ für das jüdische Volk in Palästina politisch unterstützen würde, gleichzeitig aber auch die Rechte der nichtjüdischen Gemeinschaften schützen müsse. Genau diese Spannung zwischen Versprechen, Erwartungen und unklarer Praxis wurde in den folgenden Jahren zum Dauerbrenner.
Schon 1920 war die Lage so aufgeheizt, dass religiöse Großereignisse und politische Mobilisierung ineinander kippen konnten. Ein markantes Beispiel sind die Unruhen rund um die Nebi-Musa-Pilgerfahrt im April 1920. Der britische Palin-Untersuchungsbericht, der die Ursachen der damaligen Ausschreitungen analysierte, beschreibt eine Atmosphäre „aktiver Feindseligkeit“ gegenüber Zionisten und der britischen Administration, warnt vor einer aufgepeitschten Stimmung durch Propaganda und hält fest, dass es zwar Hinweise auf „Brandstifter“ und Provokateure gab, aber keine belastbaren Belege für einen klaren, zentral organisierten Plan, vielmehr wirkte das Geschehen in Teilen spontan. Gleichzeitig kritisierte der Bericht die unzureichenden Vorbereitungen und dass die Behörden nicht konsequent verhinderten, dass bei der Pilgerfahrt aufwiegelnde Reden gehalten wurden.
Haddsch Amin al-Husaynī, vom Aktivisten zur Schlüsselfigur
In dieses Klima hinein fällt der politische Aufstieg von Haddsch Amin al-Husaynī. Nach Angaben der Holocaust Encyclopedia des United States Holocaust Memorial Museum organisierte al-Husaynī in den Monaten Februar bis April 1920 gemeinsam mit anderen Demonstrationen in Jerusalem, in denen arabische Unabhängigkeit und eine Union mit Syrien gefordert wurden. Als diese Demonstrationen gewaltsam wurden, floh er nach Syrien, und ein britisches Tribunal verurteilte ihn in Abwesenheit wegen Anstiftung zum Aufruhr.
Wichtig für die Einordnung ist dabei: Die Bewertung seiner konkreten Rolle in den Unruhen von 1920 ist in der historischen Darstellung nicht völlig einheitlich. So gibt es Darstellungen, die seinen Anteil an der Mobilisierung betonen, während andere, wie etwa die Darstellung bei Jerusalem Story, darauf hinweisen, dass es keinen eindeutigen Nachweis gebe, dass er persönlich zur Gewalt gegen Juden aufgerufen habe, auch wenn er als Redner und politischer Organisator in dieser Zeit sichtbar war. Unstrittig ist, dass er in dieser Phase politisch profiliert war und dass die britischen Behörden ihn als Faktor in der Stabilitätsfrage betrachteten.
Der entscheidende Schritt kam kurz danach: Laut USHMM wurde al-Husaynī im Herbst 1920 vom britischen Hochkommissar Herbert Samuel begnadigt und kehrte nach Jerusalem zurück. Am 8. Mai 1921 ernannte Samuel ihn zum Mufti von Jerusalem. Bereits 1922 stieg seine institutionelle Macht weiter, als er Präsident des Supreme Muslim Council wurde und damit auch Einfluss auf die Verwaltung religiöser Stiftungsmittel, den Waqf, erhielt.
Damit wurde aus einem politischen Aktivisten eine Figur mit religiöser Autorität, institutionellen Ressourcen und politischer Reichweite. In der Praxis bedeutete das: Wer politische Mobilisierung über religiöse Symbolik, lokale Netzwerke und öffentliche Kampagnen organisieren wollte, fand in der Mufti-Position einen Hebel, der weit über reine Theologie hinausging.
Vom Konfliktmodus zur Eskalation, der Weg in die 1930er
In den 1930er-Jahren verschärfte sich die Lage erneut. Mehrere Faktoren liefen zusammen: die fortgesetzte jüdische Einwanderung, die sich unter dem Druck des wachsenden Antisemitismus in Europa zusätzlich verstärkte, die britische Unfähigkeit, die gegensätzlichen politischen Erwartungen dauerhaft zu „balancieren“, und eine arabische Öffentlichkeit, in der sich Nationalismus und Antikolonialismus immer stärker radikalisierten.
Als sich diese Dynamik 1936 entlud, begann der Arabische Aufstand (1936 bis 1939). Laut Britannica formierten sich arabische Parteien zum Arab Higher Committee, das unter dem Vorsitz des Muftis Amin al-Husaynī stand. Dieses Komitee rief zum Generalstreik auf und verband ihn mit politischen Forderungen, darunter ein Ende der jüdischen Einwanderung, Einschränkungen beim Landverkauf und das Ziel nationaler Unabhängigkeit.
Für den Zeitraum bis 1936 ist entscheidend: Al-Husaynī wurde nicht erst im Zweiten Weltkrieg relevant, sondern war bereits vorher eine zentrale Führungsfigur der palästinensisch-arabischen Politik, mit wachsendem Einfluss auf Organisation, Rhetorik und Mobilisierung.
Frühe Nazi-Propaganda in der Region, und warum „Mein Kampf“ dabei eine Rolle spielte
Parallel dazu versuchte das nationalsozialistische Deutschland schon vor Kriegsbeginn, im Nahen Osten politische Stimmung zu nutzen, vor allem dort, wo Antikolonialismus gegen Großbritannien und Frankreich stark war. Ein besonders aufschlussreicher Blick in diese frühe Phase ergibt sich aus der Geschichte um die geplante arabische Übersetzung von „Mein Kampf“.
Nach Darstellung von Qantara berichtete der deutsche Diplomat Fritz Grobba, damals Botschafter in Irak, im Frühjahr 1934, dass eine irakische Zeitung bereits Auszüge aus „Mein Kampf“ auf Arabisch drucke, und regte gegenüber Berlin an, daraus ein Buchprojekt mit deutscher Unterstützung zu machen. In den Akten taucht dabei auch die Idee auf, problematische Passagen an die regionale Zielgruppe anzupassen. Grobba fragte etwa, ob Stellen geändert werden sollten, um der „Mentalität und Sensibilität“ rassebewusster Araber zu entsprechen, und schlug vor, den Begriff „Antisemitismus“ im Arabischen nicht wörtlich, sondern als „Anti-Judaism“ zu übertragen, also als anti-jüdisch, weil Araber selbst semitische Sprachen sprechen und der Begriff sonst rhetorisch widersprüchlich wirken konnte.
Qantara berichtet außerdem, dass das Propagandaministerium im November 1936 mitteilte, Hitler habe einer arabischen Druckfassung grundsätzlich zugestimmt, bestimmte Stellen sollten aber aus Rücksicht auf die politische Lage weggelassen werden. Gleichzeitig existierten bereits inoffizielle Übersetzungen, unter anderem Editionen, die in Kairo verkauft wurden und teils durch Fehlübersetzungen auffielen. Entscheidend ist der Punkt, den Qantara klar benennt: Eine offizielle, autorisierte arabische Ausgabe erschien am Ende nie, das Projekt verlor mit dem Krieg an Priorität, während inoffizielle Fassungen weiter kursierten.
Für die Einordnung bis 1936 heißt das: Es gab frühe Versuche, nationalsozialistische Inhalte im arabischen Raum anschlussfähig zu machen, aber der tatsächliche Effekt dieser frühen Buch- und Übersetzungsinitiativen war begrenzt und blieb teilweise im Stadium von Planung, Teilabdrucken und unauthorisierten Ausgaben.
Der große Propaganda-Schub kam erst später. Der Historiker Jeffrey Herf beschreibt in einer Cambridge-Studie, dass das NS-Regime ab Herbst 1939 bis März 1945 massive arabischsprachige Kurzwellensendungen ausstrahlte und Propagandamaterial in sehr hoher Auflage verbreitete, oft in Zusammenarbeit mit pro-Achsen-Exilanten in Berlin. Das ist bereits der Übergang zur Kriegsphase, erklärt aber, warum die ideologische Verbindung aus Antikolonialismus, anti-jüdischer Agitation und politischer Instrumentalisierung später deutlich aggressiver und systematischer wurde.
Übergang zur nächsten Phase: Mit dem Beginn des Aufstands ab 1936 und der weiteren Radikalisierung in Europa rückt die Frage in den Vordergrund, wie sich al-Husaynī und andere Akteure in den Jahren 1937 bis 1941 international positionierten, und wie daraus im Krieg eine direkte Zusammenarbeit mit NS-Deutschland entstehen konnte.
