Nationalsozialistische Propaganda und al-Husaynīs Kollaboration (1937 bis 1945)
Propagandaoffensive in der arabischen Welt
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs setzte das NS-Regime im Nahen Osten nicht nur auf Diplomatie und verdeckte Kontakte, sondern sehr bewusst auf Propaganda als Kriegswaffe. Das Ziel war zweigleisig: die britische und französische Kontrolle in der Region zu untergraben und gleichzeitig antisemitische Feindbilder so zu verstärken, dass sie als „natürlicher“ Teil eines antiimperialen Befreiungskampfes erscheinen.
Der Kern dieser Strategie war ein Medienmix aus Rundfunk, Presse und gedruckten Massenmaterialien. Besonders wichtig war der arabischsprachige Kurzwellendienst aus dem deutschen Machtbereich, der ab Oktober 1939 regelmäßig sendete und bis kurz vor Kriegsende lief. In diesen Programmen wurde Deutschland als „Freund der Araber“ inszeniert, während Juden pauschal als Wurzel allen Übels dargestellt wurden.
Wie das konkret lief, Radio, Druck, Symbolfiguren
1) Rundfunk
Die arabischsprachigen Sendungen richteten sich an Hörer in Palästina, Ägypten, Syrien, Libanon, Irak und darüber hinaus. Inhaltlich kombinierten sie Anti-Britannien-Rhetorik mit antisemitischer Mobilisierung. Dabei wurden religiöse Bezüge nicht „nebenbei“ genutzt, sondern gezielt als Autoritätsverstärker eingesetzt, also als Mittel, um politische Botschaften als religiös geboten erscheinen zu lassen.
2) Printpropaganda in großer Auflage
Parallel zum Radio wurden Flugblätter, Broschüren und Zeitungen produziert und in der Region verteilt. Historische Studien beschreiben, dass solche Materialien in sehr hohen Stückzahlen zirkulierten und häufig Inhalte aus dem Rundfunk nachdruckten, um Botschaften mehrfach zu verankern.
3) Barid al-Sharq als Propaganda-Vorzeigeprojekt
Ein prominentes Beispiel ist die arabischsprachige Propagandazeitung Barid al-Sharq, die während des Krieges verbreitet wurde und das gewünschte Narrativ stützen sollte: Deutschland als antikoloniale Ordnungsmacht, dazu ein durchgehend judenfeindlicher Grundton und die gezielte Aufwertung von Verbündeten.
4) al-Husaynī als Verstärker
In dieses System passte Haddsch Amin al-Husaynī als Symbolfigur. Er war nicht „der Ursprung“ des Konflikts, aber er wurde in der NS-Propaganda als arabische Autorität genutzt, um Botschaften zu legitimieren und Anschlussfähigkeit herzustellen. Seine Rolle ist historisch belegt, aber sie erklärt nicht automatisch „die“ Haltung einer gesamten Bevölkerung, sie erklärt vor allem, wie Propaganda über bekannte Gesichter arbeitet.
Ein Beispiel, das zeigt, wie weit die Enthemmung ging
Aus archivierten Mitschriften wird deutlich, dass diese Rundfunkpropaganda nicht nur Stimmung machte, sondern stellenweise offen zur Gewalt gegen Juden aufrief. Das ist keine Polemik, sondern dokumentiert: Es gab Sendungen, die Gewalt ausdrücklich als Pflicht darstellten und Juden als existenzielle Bedrohung dämonisierten.
Wichtig: Dass so etwas gesendet wurde, heißt noch nicht automatisch, dass es überall geglaubt oder massenhaft übernommen wurde. Aber es zeigt den ideologischen Kern der Kampagne und ihren Radikalisierungsanspruch.
Reichweite und Grenzen, warum man den Effekt nicht überzeichnen sollte
Die Wirkung solcher Kampagnen hängt an einer simplen Frage: Wer hört das überhaupt, und wie oft?
Für Palästina gibt es dazu seltene zeitgenössische Daten: Eine kriegszeitliche Erhebung aus September 1943, die später in der Forschung häufig zitiert wird, beschreibt ein klares Bild. Die Berliner Station spielte unter arabischen Hörern in Palästina nur eine Nebenrolle. In der Studie wird genannt, dass sie nur von 13 Prozent der befragten Hörer eingeschaltet wurde, während Stationen aus Kairo und Jerusalem mit jeweils 98 Prozent deutlich vorn lagen. Ebenfalls hoch lagen andere Sender, darunter Sharq al-Adna und London.
Das stützt eine wichtige, oft vergessene Einordnung: NS-Propaganda war real und teils extrem, aber sie war nicht automatisch hegemonial. Viele Menschen nutzten Radio vor allem für Musik und Nachrichten und unterschieden sehr wohl zwischen Information und Kriegspropaganda. Genau diese Differenz ist entscheidend, wenn man historische Einflüsse sauber bewerten will.
Was davon bleibt, und was man daraus nicht machen sollte
Ja, es gab eine bewusste Verschränkung von antisemitischer Ideologie mit antiimperialen Erzählungen, dazu die Aufwertung einzelner Kollaborateure und das gezielte Ausschlachten religiöser Motive.
Nein, daraus folgt nicht automatisch eine simple Linie nach dem Motto: „Die Propaganda hat alle überzeugt.“ Die Quellenlage zeigt eher: Sie hat vorhandene Feindbilder bedient, sie hat die Sprache weiter vergiftet, und sie hat ein Radikalisierungsangebot gemacht, aber die tatsächliche Akzeptanz war begrenzt und umkämpft.
