Nationalsozialistische Propaganda und al-Husaynīs Kollaboration (1937-1945)
Spätestens ab 1937, als Haddsch Amin al-Husaynī nach dem gescheiterten Arabischen Aufstand vor den Briten floh, begann eine Phase, in der sich palästinensischer Nationalismus, Antikolonialismus und ein zunehmend radikalisierter Antisemitismus mit den Interessen der Achsenmächte überlagerten. Entscheidend ist dabei eine saubere Unterscheidung: Das NS-Regime instrumentalisiert regionale Konflikte, und umgekehrt nutzen einzelne Akteure im Nahen Osten die NS-Macht als vermeintlichen Hebel gegen Großbritannien und gegen den Zionismus. Genau in diesem Spannungsfeld wurde al-Husaynī zu einer der bekanntesten, und bis heute umstrittensten, Figuren dieser Zeit.
Vom Exil nach Berlin, und warum das für die Nazis nützlich war
Al-Husaynī war in den späten 1930er-Jahren nicht einfach ein religiöser Würdenträger, sondern auch ein politischer Akteur, der sich als Stimme eines arabischen Widerstands gegen die Mandatsmacht verstand. Nach Jahren im Exil führte ihn die politische Dynamik des Krieges nach Europa. Für Berlin war so jemand aus mehreren Gründen attraktiv: Er brachte Name, Symbolkraft und Kontakte mit, und er war bereit, die deutsche Linie öffentlich zu stützen, solange er sich davon Unterstützung gegen eine jüdische Heimstätte in Palästina und gegen die Briten erhoffte.
Wichtig ist der Mechanismus: Die Nazis hatten zu Beginn des Krieges im arabischsprachigen Raum ein Übersetzungs- und Glaubwürdigkeitsproblem. Ihnen fehlten native Sprecher, lokale Netzwerke und eine vertraute religiöse Sprache. Genau diese Lücke füllten arabische Exilpolitiker in Berlin, nicht als Entscheider, sondern als Mitspieler in einem deutschen Propagandasystem.
Propagandaoffensive: Radio, Druck, und die religiöse Anschlussfähigkeit
Mit dem Krieg setzte das Deutsche Reich stärker auf Auslandspropaganda, und zwar nicht nur als Beiwerk, sondern als gezieltes Werkzeug. Nach Forschungsarbeiten von Jeffrey Herf lag die organisatorische Schaltstelle für die arabischsprachige Propaganda vor allem im Auswärtigen Amt, in einer eigenen Struktur für politische Radiosendungen. Von dort liefen kurzwellige Sendungen, die in viele Regionen ausgestrahlt wurden. Parallel wurde auch ein arabischsprachiges Magazin herausgegeben, Barid as-Sarq, das in dieses Umfeld eingebettet war.
Inhaltlich folgte die Propaganda einem wiederkehrenden Muster: Deutschland stellte sich als Partner gegen den britischen Imperialismus dar, und koppelte das mit einer radikalen, verschwörungslastigen Anti-Juden-Erzählung. Dabei wurde der Konflikt um Palästina genutzt, um eine Botschaft zu verdichten: „Der Jude“ sei nicht nur politischer Gegner, sondern angeblicher Drahtzieher hinter Großbritannien, den USA und jedem Rückschlag in der Region. Das war keine zufällige Schärfe, sondern Teil einer bewussten Eskalation.
Besonders drastisch zeigen das überlieferte Mitschriften und Übersetzungen von Radiosendungen, in denen nicht nur gehetzt, sondern ausdrücklich zu Gewalt aufgerufen wurde. In einem Beispiel aus 1942 wird die Bevölkerung sinngemäß dazu aufgerufen, sich zu erheben und Juden zu töten, ihr Eigentum zu zerstören und dies religiös zu begründen. Das ist keine „Meinung“, das ist die sprachliche Vorstufe zu Entmenschlichung und Vernichtungsfantasie, in einer Form, die bewusst anschlussfähig an religiöse und antikoloniale Gefühle gemacht wurde.
Das Treffen mit Hitler am 28. November 1941: Symbolik, Inhalt, und Grenzen
Der zentrale Fixpunkt der Kollaboration ist das Treffen al-Husaynīs mit Adolf Hitler am 28. November 1941 in der Reichskanzlei in Berlin. Das Gespräch ist durch ein deutsches Protokoll überliefert und wird in mehreren seriösen Darstellungen aufgegriffen. Al-Husaynī versuchte, Zusagen zu bekommen, etwa eine klare deutsche Erklärung zur arabischen Unabhängigkeit und zur Ablehnung einer jüdischen Heimstätte in Palästina. Hitler wich jedoch verbindlichen Staatszusagen aus.
Gleichzeitig ist die ideologische Ebene des Gesprächs unübersehbar. Hitler machte deutlich, dass Deutschland einen kompromisslosen Krieg gegen die Juden führe und die „jüdischen Elemente“ in den arabischen Raum hinein als feindlichen Faktor betrachtete. Sinngemäß koppelte er die Frage Palästinas an seinen allgemeinen Vernichtungsanspruch gegen Juden. Für al-Husaynī war das ein politischer Prestigegewinn, weil er sich als Gesprächspartner Hitlers inszenieren konnte, auch wenn ihm die formale Zusage, die er wollte, verwehrt blieb.
Und hier liegt die doppelte Wahrheit: Das Treffen ist ein historisch belastbares Ereignis mit dokumentierter antisemitischer Stoßrichtung. Zugleich ist es kein Beleg dafür, dass al-Husaynī die NS-Politik erfunden oder gesteuert hätte. Er war Verbündeter aus Opportunität und Überzeugung, aber die Entscheidungszentren lagen in Berlin.
Radios, Reden, und die Radikalisierung der Botschaft
Während seines Aufenthalts in Deutschland trat al-Husaynī als Propagandist in Erscheinung. Er war nicht nur „Gast“, sondern wurde eingesetzt, wo er aus Sicht der Nazis Wirkung entfalten konnte. In Quellen des US Holocaust Memorial Museum wird beschrieben, dass er in Reden und Radiosendungen Juden als Feindbild markierte, sie entmenschlichte und Gewaltfantasien religiös auflud. Das Museum verweist auch darauf, dass er seine Rolle als religiöse Autorität nutzte, um eine religionsähnliche Legitimation für Hass zu liefern.
Gerade diese Verknüpfung, also politischer Antikolonialismus plus religiöse Mobilisierung plus antisemitische Weltverschwörung, machte die NS-Propaganda im Nahen Osten so gefährlich. Sie bot eine „Erklärung“ für alles, und stellte Juden als Ursache jedes Problems dar. Das ist exakt das Muster, das Antisemitismus seit Jahrhunderten so zählebig macht.
Der Versuch, jüdische Rettung zu blockieren
Ein besonders gut dokumentierter Punkt, der al-Husaynīs Rolle moralisch und historisch schwer belastet, sind seine Interventionen gegen jüdische Flucht. Das US Holocaust Memorial Museum beschreibt, dass al-Husaynī versuchte, Initiativen zu stoppen, mit denen jüdische Kinder aus Europa in sicherere Länder gebracht werden sollten. In diesem Zusammenhang wird auch erwähnt, dass er sich dafür aussprach, diese Kinder unter „strengerer Kontrolle“ nach Polen zu schicken. Das ist keine Randnotiz, sondern ein konkretes Handeln gegen Rettung, in einer Zeit, in der die Vernichtung bereits Realität war.
Kontakt zur SS und Rekrutierung: Bosnische Waffen-SS als Beispiel
Al-Husaynī bewegte sich in Berlin nicht im luftleeren Raum. Er suchte die Nähe zu Machtzentren, unter anderem zur SS, weil dort Einfluss, Ressourcen und Netzwerke lagen. Dokumentierte Bildquellen und Darstellungen zeigen ihn in Kontexten, die mit der Rekrutierung muslimischer Freiwilliger für deutsche Einheiten in Verbindung stehen, etwa bei bosnischen Angehörigen der Waffen-SS. Auch hier gilt: Er war nicht der Architekt deutscher Militärpolitik, aber er war bereit, seine religiöse Autorität für deutsche Kriegsziele zu verwerten, solange er sich davon politische Dividenden versprach.
Wie groß war der Einfluss wirklich, und was bleibt davon übrig
Für eine faktenbasierte Einordnung ist entscheidend, Übertreibungen zu vermeiden. In der Forschung wird betont, dass die NS-Propaganda zwar aggressiv war, ihr tatsächlicher Durchschlag aber regional und sozial unterschiedlich ausfiel. Außerdem war al-Husaynī Teil eines Apparats, den Berlin kontrollierte, insbesondere über Strukturen im Auswärtigen Amt und die dort angesiedelten Propagandaeinheiten. Seine Bedeutung liegt deshalb weniger in „Steuerung“, sondern in Symbolik, Verstärkung und Übersetzung: Er machte NS-Botschaften für Teile einer arabischen Öffentlichkeit anschlussfähiger, weil er sie mit religiöser Autorität und antikolonialer Rhetorik versah.
Das Nachwirken ist deshalb vor allem ein politisch-kulturelles: Die Kollaboration liefert bis heute eine Projektionsfläche, wird propagandistisch ausgeschlachtet und taugt manchen als billige Abkürzung, um komplexe Entwicklungen zu simplifizieren. Aber historisch bleibt bestehen: Es gab eine reale, dokumentierte Kooperation, es gab antisemitische Mobilisierung, und es gab konkrete Handlungen, die Rettung verhinderten und Gewalt legitimierten.
