Nachkriegszeit und Neuformierung der palästinensischen Politik (1945-1967)
Als das NS-Regime 1945 zusammenbrach, endete die Kollaboration nicht mit einem Tribunal, sondern mit einem politischen Rückzug in den Nahen Osten. Haddsch Amin al-Husaynī, der ehemalige Großmufti von Jerusalem, geriet zunächst in französische Obhut, wurde in der Nähe von Paris festgesetzt und entkam 1946 nach Ägypten. Dort knüpfte er wieder an seine Vorkriegsrolle an und blieb bis zu seinem Tod eine symbolisch aufgeladene Figur, weil sein Name für arabischen Nationalismus, radikalen Antizionismus und auch für antisemitische Kriegspropaganda stand.
Parallel dazu verschob sich das politische Koordinatensystem im Mandatsgebiet endgültig. 1947 beschloss die UNO den Teilungsplan, 1948 folgte der Krieg, Israel entstand, Hunderttausende Palästinenser wurden zu Flüchtlingen. Diese Zäsur wirkte stärker als jede Ideologieschrift. Viele Narrative in der Region drehten sich fortan um Vertreibung, Niederlage, Rückkehr und Wiederherstellung. In diesem Umfeld hatten Verschwörungserzählungen und Schuldzuweisungen leichtes Spiel, auch weil sie politische Ohnmacht in vermeintlich klare Erklärungen pressen.
Der Holocaust, also die Shoa, wurde in Teilen der arabischen Öffentlichkeit unterschiedlich verarbeitet. Es gab Empathie, es gab Schweigen, es gab Instrumentalisierung, und es gab auch Relativierungen und Leugnungen. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen berechtigter politischer Kritik an Israel und antisemitischen Erzählmustern über Juden. Letztere übernahmen nicht selten europäische Motive, inklusive der Vorstellung einer angeblichen jüdischen Weltsteuerung, und mischten sie mit regionalen Konflikten. Das ist keine homogene Geschichte, aber es ist ein wiederkehrendes Muster, das Historiker seit Jahrzehnten dokumentieren.
Von exilierten Strukturen zur PLO
In den 1960er-Jahren entstand mit der Palestine Liberation Organization (PLO) eine neue organisatorische Klammer des palästinensischen Nationalismus. Die PLO wurde 1964 unter maßgeblichem Einfluss der Arabischen Liga gegründet. Jassir Arafat und seine Fatah übernahmen erst später die Führungsrolle, Arafat wurde 1969 Vorsitzender. Ideologisch war die PLO in dieser Phase vor allem säkular, nationalistisch und teils von linken Befreiungsbewegungen beeinflusst.
Zentral ist die Palästinensische Nationalcharta von 1968. Sie enthält Passagen, die bis heute zitiert werden, weil sie den Konflikt als Nullsummenspiel definieren. So heißt es sinngemäß, dass bewaffneter Kampf der Weg zur Befreiung sei. Gleichzeitig findet sich die Formulierung, dass Juden, die vor Beginn der zionistischen Einwanderung dauerhaft in Palästina lebten, als Palästinenser gelten. Das ist kein NS-Rassenprogramm. Die Charta richtet sich formal gegen Zionismus und gegen den Staat Israel, nicht gegen Juden als Volk. Trotzdem tauchten in Teilen der palästinensischen und breiteren arabischen Propaganda später immer wieder antisemitische Stereotype auf. Genau da wird die Linie relevant: weniger als direkte ideologische Erbfolge, eher als Übernahme und Weiterverwertung von Motiven, die schon im europäischen Antisemitismus etabliert waren.
Islamistische Strömungen und Hamas (seit Ende der 1970er-Jahre)
Neben den säkularen Organisationen gewann der Islamismus ab den späten 1970er-Jahren an Einfluss. In Gaza wirkten Netzwerke, die historisch aus der Muslimbruderschaft hervorgingen. In der ersten Intifada gründete sich 1987 die Hamas als islamistische Bewegung, die nationalen Befreiungskampf religiös auflud und als Teil eines umfassenden religiösen Projekts verstand.
Die Hamas-Charta von 1988 ist dabei ein Schlüsseltext. Sie verbindet nationalistische Ziele mit religiöser Mobilisierung und enthält Passagen, die international als antisemitisch eingestuft werden. Besonders bekannt ist der Hadith-Bezug, der in der Charta als Endzeitmotiv genutzt wird, sowie der Rückgriff auf europäische Verschwörungsmythen wie die Protokolle der Weisen von Zion. Außerdem finden sich Behauptungen über eine angeblich geplante Expansion und über jüdische Steuerung von Medien und Wirtschaft. Genau diese Struktur, religiöse Pflicht plus Verschwörungsbild plus Entmenschlichung, erinnert in der Mechanik an klassische NS-Propaganda, auch wenn der ideologische Unterbau ein anderer ist.
Wichtig für die Einordnung ist auch: Hamas veröffentlichte 2017 ein politisches Grundsatzdokument, das in Ton und Begriffen moderater wirkt. Es änderte aber nicht automatisch die historische Wirkung der 1988er-Charta, weil diese nie formell zurückgenommen wurde und weil in der Praxis oft nicht Papier, sondern Predigt, Schulmaterial, TV und Social Media prägen, was in der Bevölkerung hängen bleibt.
Hitler als Symbol in islamistischer Rhetorik
In Teilen des Islamismus taucht Hitler bis heute als perverses Symbol auf, als vermeintlicher „Vollstrecker“ gegen Juden. Ein prominentes Beispiel ist Yusuf al-Qaradāwī, ein einflussreicher Prediger mit Nähe zur Muslimbruderschaft, der in einer TV-Ansprache 2009 Hitler als Werkzeug Gottes dargestellt haben soll und den Wunsch äußerte, Muslime mögen ähnliches vollenden. Solche Aussagen sind keine Randnotiz, weil sie religiöse Sprache nutzen, um antisemitische Gewaltfantasien zu heiligen.
Radikale Gewaltaufrufe aus der Hamas-Umgebung
Dass diese Enthemmung nicht nur Theorie ist, zeigen dokumentierte Gewaltaufrufe einzelner Hamas-Funktionäre. So wurde etwa Fathi Hamad 2019 in Berichten und Videoauszügen zitiert mit einem Aufruf, Palästinenser sollten Juden weltweit angreifen. Ob man das als Rhetorik, Mobilisierung oder Drohung liest, es bleibt inhaltlich ein Aufruf zu Gewalt gegen Juden als Juden. Genau das ist der Punkt, an dem aus politischem Konflikt antisemitische Hetze wird.
Auch deshalb wird Hamas in zahlreichen Staaten als Terrororganisation geführt. Dazu zählen unter anderem die USA, die Europäische Union und das Vereinigte Königreich, das Hamas seit 2021 vollständig verboten hat. Diese Einstufungen sind politisch umkämpft, aber rechtlich eindeutig: Unterstützung, Finanzierung und Propaganda können in diesen Ländern strafbar sein.
Unterm Strich ist die Verbindung zwischen Nationalsozialismus und palästinensischem Nationalismus keine simple Gerade. Es gibt Brüche, Milieuwechsel und unterschiedliche Ideologien. Was sich aber nachweisen lässt, ist die Weitergabe bestimmter antisemitischer Erzählmuster, die schon in der NS-Propaganda zentral waren, später in islamistischen Texten und Reden erneut auftauchten, und heute im digitalen Zeitalter schneller denn je verbreitet werden. Wer das ernsthaft bekämpfen will, muss es klar benennen, ohne ganze Bevölkerungen zu stigmatisieren.
