Frühe Konflikte im Mandatsgebiet und der Aufstieg al-Husaynīs
Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Großbritannien das Mandat über Palästina, parallel stand die Balfour-Deklaration von 1917 im Raum, die eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina unterstützte. In der Praxis trafen hier arabische Erwartungen auf Selbstbestimmung auf britische Mandatspolitik und auf wachsende jüdische Einwanderung, die wiederum stark durch Verfolgung in Europa beeinflusst war. Das erzeugte früh ein Klima, in dem politische Konflikte schnell in Gewalt kippten.
Ein frühes Schlüsselereignis waren die Nebi-Musa-Unruhen im April 1920 in Jerusalem. Laut Holocaust Encyclopedia hielt Amin al-Husaynī damals eine Rede, nach der es zu schweren Ausschreitungen kam, er floh anschließend und wurde später dennoch Teil der Mandatsordnung. Er wurde am 8. Mai 1921 zum Mufti von Jerusalem ernannt. Dieses Zusammenspiel aus Mobilisierung, Religionsautorität und politischer Führung machte ihn in den folgenden Jahren zu einer zentralen Figur.
In den 1930er-Jahren eskalierte die Lage weiter. Der Arabische Aufstand 1936 bis 1939 richtete sich gegen die britische Mandatsmacht und gegen jüdische Einwanderung, er wurde brutal niedergeschlagen, und er schwächte langfristig auch die politische Handlungsfähigkeit der palästinensisch-arabischen Führung. Al-Husaynī spielte dabei eine prominente Rolle im Umfeld des Arab Higher Committee.
Nationalsozialistische Nahost-Propaganda
Mit dem Zweiten Weltkrieg intensivierte Nazi-Deutschland seine Versuche, im arabischsprachigen Raum Einfluss zu gewinnen. Ziel war nicht Nächstenliebe, sondern knallharte Kriegslogik: Großbritannien destabilisieren, anti-koloniale Stimmung nutzen, und gleichzeitig antisemitische Weltbilder exportieren. Historische Forschung beschreibt, wie deutsch gesteuerte arabischsprachige Sendungen antisemitische Verschwörungsmythen mit religiösen Bezügen verknüpften, um Judenhass als Teil eines größeren Kampfes zu verkaufen.
Wichtig ist dabei die Wirkungsebene: Auch wenn Inhalte radikal waren, heißt das nicht automatisch, dass sie überall massenhaft gehört und geglaubt wurden. Forschung zu Reichweite und Resonanz kommt eher zu einem gemischten Bild, mit teils begrenzter tatsächlicher Hörerschaft gegenüber etablierten regionalen Sendern. Der Punkt bleibt aber: Die NS-Führung wollte Judenhass im arabischen Kontext anschlussfähig machen.
Parallel gab es Bemühungen, NS-Ideologie auch über Texte zu verbreiten. Debatten um arabische Ausgaben von Mein Kampf zeigen, dass Übersetzungen und Anpassungen im Raum standen und ideologisch gezielt vermittelt werden sollten. Das ist keine Nebensache, sondern zeigt die Strategie, Propaganda kulturell kompatibel zu machen.
Al-Husaynīs Bündnis mit Hitler
Al-Husaynī floh nach politischen Konflikten und nach seiner Rolle in pro-achsenorientierten Umfeldern 1941 nach Berlin. Dort suchte er die Nähe zur NS-Führung und wollte politische Zusagen gegen Briten und gegen ein jüdisches Nationalheim. Am 28. November 1941 traf er Adolf Hitler. Dass dieses Treffen stattfand, ist unstrittig und durch zeitgenössische Dokumente und historische Aufarbeitung belegt.
Zum Inhalt existieren Protokolle, in denen Hitler sinngemäß erklärt, Deutschland führe einen kompromisslosen Kampf gegen die Juden und werde, sobald die militärische Lage es erlaube, auch im arabischen Raum gegen die dort lebenden Juden vorgehen. Gleichzeitig wird in Forschung klar betont: Der Mufti war nicht der „Erfinder“ der Shoa, die systematische Vernichtung lief bereits, bevor er Hitler traf. Wer hier seriös bleiben will, hält beides aus, nämlich Kooperation und Propaganda auf der einen Seite, und keine zentrale Entscheidungsrolle bei der „Endlösung“ auf der anderen.
Al-Husaynī wirkte in Berlin als Propagandist und als politischer Akteur im Exil, der antisemitische Botschaften in religiöse und antikoloniale Sprache goss. Zudem ist dokumentiert, dass er in NS-Strukturen als Ansprechpartner für die Mobilisierung muslimischer Zielgruppen genutzt wurde. Die Holocaust Encyclopedia beschreibt ihn ausdrücklich als wichtigen arabischsprachigen Kollaborateur in der NS-Propaganda.
Nachkriegszeit, PLO und der Übergang zu neuen Ideologien
Nach 1945 entzog sich al-Husaynī einer Strafverfolgung und kehrte in den Nahen Osten zurück. Politisch blieb er aktiv, sein Einfluss war aber nicht mehr der eines unangefochtenen Anführers. In der Region prallten nun andere Kräfte aufeinander, arabischer Nationalismus, Kalter Krieg, Militärputsche, Panarabismus, später auch Islamismus. Das ist wichtig, weil es erklärt, warum man keine einfache ideologische Gerade von Hitler zur gesamten palästinensischen Bewegung ziehen kann.
1964 wurde die PLO gegründet, und die Palestinian National Charter von 1968 setzte stark auf bewaffneten Kampf als Weg zur „Befreiung“. Gleichzeitig arbeitet die Charta mit politischen Definitionen, etwa zur Frage, wer als „Palästinenser“ gilt, und sie beschreibt den Konflikt formal primär als politischen und nationalen Kampf, nicht als biologistische „Rassenlehre“ nach NS-Muster. Das macht die Charta nicht harmlos, aber es ist eine andere ideologische Kategorie.
