Islamistische Strömungen und Hamas
Ab den späten 1970er-Jahren wuchs der Einfluss islamistischer Bewegungen, darunter die Muslimbruderschaft in verschiedenen lokalen Ausprägungen. Aus diesem Milieu entstand 1987 in Gaza die Hamas. Ihr Gründungsdokument von 1988, häufig „Hamas-Charta“ genannt, enthält Passagen, die offen antisemitisch sind, unter anderem den Bezug auf einen Hadith, der in apokalyptischer Bildsprache von der Tötung von Juden spricht, sowie klassische verschwörungsideologische Motive. Das ist nicht bloß „Israelkritik“, das ist ideologische Entmenschlichung
2017 veröffentlichte Hamas ein neues Grundsatzpapier, das sprachlich teils anders klingt und an einigen Stellen eine politischere Rahmung versucht. Gleichzeitig bleibt der Kernpunkt bestehen, dass Hamas Israel nicht anerkennt und weiterhin „Widerstand“ einschließlich bewaffneter Mittel legitimiert. Das ist relevant, weil es zeigt: Rhetorische Modernisierung ersetzt keine ideologische Entgiftung, solange zentrale Ziele und Feindbilder bleiben.
Viele Staaten stufen Hamas als Terrororganisation ein, darunter die USA (FTO-Liste) und die EU (Sanktions- und Terrorlisten im Rahmen ihrer Terrorismusbekämpfung). Das ist keine moralische Fußnote, sondern hat direkte Folgen für Finanzierung, Kontakte, Strafbarkeit von Unterstützung und internationale Politik.
Externe Einflüsse, Geld, Waffen, Strategie
Ideologien fallen nicht vom Himmel, sie werden verstärkt durch Geld, Training, Medien und geopolitische Interessen. Für Hamas ist seit Jahren gut dokumentiert, dass Iran eine zentrale Rolle als Unterstützer spielt, finanziell und militärisch, je nach Phase und Lage. Offizielle US-Dokumente und Analysen beschreiben iranische Unterstützung für Hamas und andere Gruppen, inklusive Netzwerken, die mit Sanktionen belegt wurden. Das erklärt nicht jeden einzelnen Schritt von Hamas, aber es erklärt, warum sie trotz massiver Konflikte immer wieder über Ressourcen verfügt.
Bildung, Erinnerungskultur und die Frage der Holocaust-Aufarbeitung
Ein zentraler Verstärker für dauerhafte Feindbilder ist Schule, nicht weil Mathematik böse wäre, sondern weil Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien Identität bauen. In den letzten Jahren gab es dazu widersprüchliche Debatten und Studien. Einige Berichte sehen in palästinensischen Schulbüchern weiterhin erhebliche Probleme, andere Arbeiten differenzieren stärker nach Jahrgang, Thema und Materialtyp. Das bedeutet nicht, dass „alles in Ordnung“ ist, sondern dass man fair bleiben muss und Quellen sauber trennen sollte.
Die EU beauftragte das Georg-Eckert-Institut mit einer Analyse, die öffentlich diskutiert wurde, parallel veröffentlichten Organisationen wie IMPACT-se eigene Auswertungen, die deutlich schärfer urteilen. Wer seriös argumentiert, macht transparent, welche Studie was genau untersucht hat, und welche Kriterien verwendet wurden. Denn sonst wird aus Bildungspolitik schnell nur noch ein Meme.
Für internationale Organisationen wurde das Thema ebenfalls relevant, unter anderem im Kontext von UNRWA. 2024 legte eine unabhängige Überprüfung Empfehlungen zu Neutralität und Aufsicht vor. Das zeigt: Auch auf der Ebene großer Institutionen ist klar, dass Inhalte, Standards und Kontrolle im Streit stehen, und nicht nur „Narrative“.
Mahmūd Abbās, Holocaust-Relativierung und politische Kommunikation
Problematisch wird es, wenn führende politische Stimmen antisemitische Stereotype bedienen oder historische Verbrechen umdeuten. Internationale Kritik gab es 2023 an Aussagen von Mahmūd Abbās, die den Holocaust in Richtung „soziale Gründe“ verschoben und damit ein klassisches Muster bedienen, nämlich Juden selbst als Ursache ihrer Vernichtung darzustellen. Das ist nicht nur historisch falsch, es ist auch politisch brandgefährlich, weil es Antisemitismus als „nachvollziehbare Reaktion“ verkauft.
Antisemitismus und anti-zionistische Kritik sauber trennen
Antisemitismus ist Feindschaft gegen Juden als Juden, unabhängig davon, was Israel tut oder nicht tut. Anti-zionistische Kritik kann vieles sein, von legitimer Kritik an konkreter Politik bis hin zu einer Ideologie, die jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich ablehnt. Der Streit beginnt dort, wo Begriffe verschoben werden, und genau deshalb sind Definitionen hilfreich.
Die IHRA-Arbeitsdefinition betont einerseits, dass Kritik an Israel wie an jedem anderen Staat nicht automatisch antisemitisch ist, nennt aber auch Beispiele, in denen es antisemitisch wird, etwa wenn dem jüdischen Volk grundsätzlich das Recht auf Selbstbestimmung abgesprochen wird oder klassische antisemitische Muster auf Israel übertragen werden. Parallel formuliert die Jerusalem Declaration on Antisemitism Kriterien, die ebenfalls Antisemitismus benennen, aber in einigen Punkten stärker betonen, dass auch harte politische Kritik nicht automatisch Judenhass ist. Der entscheidende Punkt ist: Beide Ansätze sind sich einig, dass die Grenze dort verläuft, wo Juden kollektiv verantwortlich gemacht, entmenschlicht oder mit antisemitischen Bildern markiert werden.
Wann Kritik legitim ist
- Konkrete Politik kritisieren, etwa Regierungshandeln, Militärstrategie, Siedlungspolitik oder Gesetze, ohne daraus „die Juden“ zu machen.
- Gleiche Maßstäbe wie bei anderen Staaten anlegen.
- Keine Kollektivschuld, keine Feindbilder, keine Entmenschlichung.
Wann es in Antisemitismus kippt
- Juden weltweit für Israels Politik verantwortlich machen.
- Antisemitische Stereotype als „Israelkritik“ verkleiden, etwa geheime Kontrolle von Medien, Geld, Weltpolitik.
- Delegitimierung als Prinzip, also nicht Kritik an Entscheidungen, sondern das Ziel, jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich zu verneinen.
- Gewaltaufrufe oder religiöse Endzeit-Rhetorik gegen Juden, wie sie in Teilen islamistischer Texte und Reden belegt ist.
Warum solche Ideologien trotzdem immer wieder auftauchen
Dass antisemitische Narrative in palästinensischen und breiteren regionalen Kontexten immer wieder auftauchen, hat mehrere Treiber, die sich gegenseitig verstärken:
- Erlebte Ohnmacht und Gewaltspiralen: Krieg, Vertreibungserfahrungen, Besatzungserleben und radikale Gegengewalt sind ein Umfeld, in dem Extreme leichter verfangen, auch wenn das keine Entschuldigung ist.
- Propaganda als Machtinstrument: Antisemitismus eignet sich als politischer Kleber, weil er einen „ewigen Feind“ schafft und von eigener Verantwortung ablenkt.
- Externe Sponsoren: Geld und Waffen von außen machen radikale Organisationen widerstandsfähiger und attraktiver für Rekrutierung.
- Bildung und Medien: Wo Schulmaterialien oder religiöse Botschaften Feindbilder normalisieren, wird Hass zu „Alltagssprache“.
Was daraus folgt
Historisch ist belegt, dass es eine Zusammenarbeit einzelner palästinensisch-arabischer Akteure mit dem NS-Regime gab, besonders über al-Husaynī, und dass Nazi-Deutschland antisemitische Propaganda aktiv in den arabischen Raum trug. Ebenso ist belegt, dass später in islamistischen Strömungen, besonders in Hamas-Texten von 1988, Antisemitismus als Ideologie eine tragende Rolle spielte.
Gleichzeitig gilt: Der palästinensische Nationalismus war und ist nicht monolithisch. Es gibt säkulare, religiöse, linke, nationalistische, pragmatische und radikale Strömungen. Und es gibt historische Gegenbeispiele, die zeigen, dass „die Araber“ keine Einheit im Judenhass waren, etwa dokumentierte Fälle von Rettung und Schutz jüdischer Menschen in Nordafrika und auf dem Balkan. Diese Beispiele ändern nichts an späterem Antisemitismus, sie verhindern aber die bequeme, falsche Kollektivschuld-Erzählung.
Wer eine echte Perspektive auf Konfliktlösung will, muss deshalb zwei Dinge gleichzeitig verlangen: erstens politische Lösungen und Sicherheit, zweitens ideologische Entgiftung, also klare Grenzen gegen Antisemitismus in Predigten, Medien und Unterricht. Und genauso muss man anerkennen: Legitime palästinensische Forderungen nach Würde und Staatlichkeit sind nicht automatisch Judenhass, sie werden aber dort vergiftet, wo Antisemitismus als Identitätspolitik eingesetzt wird.
