🔵 Mosab Hassan Yousef und die radikale Neubewertung eines hartnäckigen Narrativs
Es gibt Personen im israelisch-arabischen Konflikt, deren Biografie allein schon ein politisches Erdbeben ist – Mosab Hassan Yousef gehört zweifellos dazu. Er ist der Sohn eines Hamas-Mitgründers, aufgewachsen in Ramallah, sozialisiert im innersten Milieu der islamistischen Bewegung. Dass ausgerechnet er Jahre später als Informant des israelischen Geheimdienstes arbeitete und heute im Westen Vorträge hält, wäre schon Stoff genug für ein Buch.
Doch Yousef geht weiter. Er stellt grundlegende Fragen zur Geschichte „Palästinas“, zur Herkunft politischer Identitäten, zur Rolle der arabischen Staaten, zum Ursprung des Konflikts und zu den Mythen, die heute wie selbstverständlich in westlichen Diskursen zirkulieren.
Sein Vortrag in Princeton ist nicht einfach eine politische Rede, sondern eine massive Herausforderung an ein global etabliertes Narrativ. Er stellt eine explosive Leitfrage:
Welche historischen Grundlagen hat das, was wir heute „Palästina“ nennen? Und wie viel davon ist politische Projektion statt historischer Realität?
Der historische Blick: Was gab es – und was nie existierte
Bevor man über Recht, Unrecht oder „Kolonialismus“ diskutiert, muss man historisch sauber arbeiten. Genau hier setzt Yousef an – mit einer Härte, die viele Aktivisten als Provokation empfinden, die Historiker aber als legitime Frage kennen.
400 Jahre Osmanisches Reich – ohne Staat „Palästina“
Zwischen 1517 und 1917, also vier Jahrhunderte lang, regierten die Osmanen das Land. Die Region war aufgeteilt in Verwaltungsbezirke wie den Vilayet Beirut, den Vilayet Damaskus und den Sanjak Jerusalem, der zeitweise direkt Istanbul unterstellt war.
Was entscheidend ist: Es gab keinen Staat „Palästina“. Kein Parlament, keine Regierung, keine diplomatischen Beziehungen, kein eigenes Rechtssystem. Nicht einmal klare territoriale Grenzen.
Die arabische Bevölkerung identifizierte sich zu dieser Zeit hauptsächlich über Religion, Stamm und Familie, Stadt oder Region und die Zugehörigkeit zu größeren Einheiten wie Syrien. Eine nationale Identität, wie wir sie heute kennen, war schlicht nicht ausgeprägt.
Das Mandatssystem – die Geburtsstunde des Begriffs „Palestine“ als politische Struktur
Nach dem Ersten Weltkrieg brach das Osmanische Reich zusammen, und der Völkerbund sprach Großbritannien 1922 das „Mandate for Palestine“ zu.
Dieses neue „Palestine“ umfasste das heutige Israel, das Westjordanland, Gaza und anfangs auch Transjordanien, das spätere Jordanien, das erst später abgetrennt wurde.
Für die Briten war „Palestine“ eine politische Verwaltungseinheit – nicht das Ergebnis eines historischen Nationalstaats. Genau darauf weist Yousef hin: Der Begriff wurde von den Briten geschaffen, nicht aus einer bestehenden palästinensischen Nationaltradition übernommen.
Und es stimmt: „Palestinian“ war bis in die 1930er Jahre hinein ein Begriff, der überwiegend Juden bezeichnete. Arabische Bewohner sprachen viel eher von „Arabs of the Holy Land“, „Syrians“ oder einfach „Muslims/Christians“.
Erst mit dem Aufstieg des Zionismus und der wachsenden jüdischen Einwanderung begann sich eine arabisch-palästinensische Identität stärker herauszubilden – als Reaktion, nicht als Fortsetzung eines alten Staates.
Der Name „Palästina“ – alt, aber kein Staatsgebilde
Viele verwechseln die Existenz eines geografischen Namens mit der eines Staates. Yousef erklärt in Princeton sehr klar, dass „Palästina“ zwar in antiken Quellen auftaucht, aber über weite Strecken der Geschichte keinen eigenen Staat bezeichnete.
Der Name „Palästina“ taucht bereits bei antiken Schriftstellern wie Herodot auf. Die Römer nannten Judäa nach dem Bar-Kochba-Aufstand „Syria Palaestina“, um jüdische Identität zu brechen. Byzantiner, Kalifate, Kreuzfahrer und Osmanen nutzten den Begriff als Region, nicht als Staat.
Ein Name ist keine Staatlichkeit. Über Jahrhunderte wurde „Palästina“ verwendet wie „Schwaben“, „Bretagne“ oder „Südtirol“ – als Beschreibungsraum, nicht als Nation mit Souveränität.
Diese Differenzierung ist elementar, wird aber im heutigen Aktivismus fast komplett ignoriert.
Der Zionismus, die Rückkehr und die Frage nach dem „Kolonialismus“
Yousef geht an die empfindlichste Stelle der westlichen Debatte, den Vorwurf, der Staat Israel sei ein koloniales Projekt.
Seine Argumentation ist historisch gut gestützt: Juden hatten durchgehend Präsenz im Land, dokumentiert über Münzen, Synagogen, Pilgerschriften, Ruinen und Friedhöfe. Die Abendland-Kolonialreiche unterwarfen fremde Kontinente, Juden kehrten in ihre Ursprungsregion zurück. Jüdische Migration war Flucht vor Pogromen, Verfolgung und Vernichtung – kein europäisches Expansionsprojekt.
Die britische Mandatspolitik war selbstverständlich kolonial geprägt. Aber der Zionismus selbst war es nicht. Er war die Rückkehr eines alten Volkes in sein historisches Kernland – mit religiöser, kultureller und archäologischer Kontinuität.
Yousef sagt: Es ist moralisch zynisch, ein Volk nach dem Holocaust als „Kolonialmacht“ zu beschimpfen, das versucht, wieder in seiner alten Heimat Fuß zu fassen.
Der Teilungsplan von 1947 – Annahme, Ablehnung, Krieg
UN-Resolution 181 ist einer der klarsten historischen Momente des Konflikts. Der Teilungsplan sah ein jüdisches und ein arabisches Staatsgebilde vor.
Die jüdische Führung akzeptierte den Plan – trotz ungünstiger Grenzen. Die arabische Seite lehnte ab und begann den Krieg gegen Israel.
Wichtig ist, was oft vergessen wird: Es gab 1948 keine palästinensische Regierung, keine palästinensische Armee, keine souveräne Staatsstruktur. Der Krieg war Araber gegen Juden, nicht „Palästinenser gegen Zionisten“.
Erst Jahrzehnte später formte sich eine eigenständige palästinensische Identität, politisch sichtbar spätestens mit der PLO-Erklärung von 1988.
Das ist nicht wertend, sondern eine historisch belegte Entwicklung.
1967 – Selbstverteidigung oder Expansion?
Der Sechstagekrieg wird oft politisch nacherzählt, selten historisch. Die Auslöser waren die ägyptische Blockade der Straße von Tiran, der Abzug der UN-Truppen aus dem Sinai auf Nassers Verlangen, ein Militärpakt zwischen Ägypten, Jordanien und Syrien und eine offene Vernichtungsrhetorik gegen Israel.
Israel handelte aus militärischer Notwendigkeit, nicht aus kolonialem Ehrgeiz. Die Konsequenz war, dass Westjordanland, Ostjerusalem, der Gazastreifen, die Golanhöhen und der Sinai unter israelische Kontrolle kamen.
Yousefs These: Man kann kein Territorium „kolonial besetzen“, das vorher keinem Staat gehörte.
Völkerrechtlich wird dies anders bewertet, politisch ist die Lage explosiv, sicherheitspolitisch jedoch existenziell. Israels geographische Enge macht jede Grenzlinie zu einer Überlebensfrage.
Die Hamas, der 7. Oktober und die Frage nach moralischen Grenzen
Wenn Yousef über den 7. Oktober spricht, wird klar, dass hier nicht nur ein Chronist am Werk ist, sondern ein Mensch, der seine eigene Vergangenheit analysiert.
Er nennt die Terrorangriffe einen „Zivilisationsbruch“ und argumentiert, dass eine Organisation, die systematisch Zivilisten ermordet, politisch nicht verhandelbar sei. Ein Waffenstillstand ohne Entwaffnung sei eine Einladung zum nächsten Massaker. Wer Israel moralisch entwaffnen wolle, indem er jeden Gegenschlag als „Völkermord“ bezeichnet, legitimiere Terrorismus als politisches Werkzeug.
Eine seiner stärksten Aussagen lautet sinngemäß: Wenn „Palestine“ zur Waffe wird, wird das Wort zum Vorwand für Gewalt gegen Juden weltweit.
Wo Yousef überzeugt – und wo er bewusst scharf zeichnet
Er überzeugt, wenn er zeigt:
„Palästina“ war historisch kein Nationalstaat, die jüdische Verbindung zum Land ist tief und eindeutig, der Kolonialismus-Vorwurf ist fachlich schwach, 1948 war eine arabische Kriegsentscheidung, 1967 war ein Verteidigungskrieg und die Hamas ist keine „Befreiungsbewegung“, sondern eine totalitäre Ideologie.
Er verkürzt, wenn er suggeriert:
Die palästinensische Identität sei reine Propaganda, die heutige Realität könne aus der Mandatszeit heraus vollständig erklärt werden und die völkerrechtliche Perspektive spiele keine Rolle.
Identität entsteht im Laufe der Geschichte – und heute existiert ein palästinensisches Kollektiv mit realen politischen Forderungen.
Warum seine Stimme heute unverzichtbar ist
Die Stärke von Yousefs Vortrag liegt nicht darin, eine endgültige Wahrheit zu liefern, sondern darin, eine Debatte aufzubrechen, die sich festgefahren hat.
Er fordert historische Genauigkeit, intellektuelle Redlichkeit, moralische Konsistenz und die Trennung von Mythos und belegbarer Realität.
Und er erinnert daran, dass Israel ein winziger Staat ist, umgeben von Feinden, der trotzdem versucht, demokratisch zu bleiben.
Yousef entlarvt Narrative – und zwingt die Welt, Geschichte nicht durch Aktivisten-Slogans zu ersetzen.
Quelle: Vortrag von Mosab Hassan Yousef an der Princeton University ⏬
