🔵 „Globalize the Intifada“: Warum dieser Spruch alles andere als harmlos ist
„Globalize the Intifada“ läuft auf X gerade wieder rauf und runter, und das Muster ist immer gleich: Ein aggressiver Kampfslogan wird geschniegelt, bis er aussieht wie ein netter Sticker fürs Lastenrad. Sinngemäß heißt es dann, die Intifadas seien „friedliche Massendemonstrationen“ gewesen, und der Spruch sei nur ein weltweiter Protestaufruf gegen Israel, nicht antisemitisch, kein Aufruf zu Mord.
Das Problem ist nicht, dass Menschen protestieren. Das Problem ist, dass hier Geschichte weichgezeichnet wird, um einen Satz zu retten, der für viele nicht nach „Menschenrechten“ klingt, sondern nach Drohung. Genau deshalb ordnen ihn Organisationen wie die ADL als problematischen Slogan ein, weil er in der Praxis immer wieder im Umfeld von Hass, Eskalation und Feindmarkierung auftaucht.
Die Gegenrede kommt deshalb so prompt, weil sie sich auf etwas sehr Banales stützt: Worte haben eine Vorgeschichte. Und bei „Intifada“ ist diese Vorgeschichte nicht neutral, nicht akademisch, nicht „irgendwie nur Protest“. Sie ist im kollektiven Gedächtnis mit Gewalt verknüpft, je nachdem wen du fragst, als Täter, als Opfer, als Beobachter, als Betroffener.
Was „Intifada“ bedeutet, und warum der Begriff politisch brennt
Fangen wir sauber an: „Intifada“ ist ein arabischer Begriff und wird häufig als „Aufstand“ oder „Abschütteln“ erklärt. In der politischen Debatte steht er aber nicht für irgendeinen beliebigen Protest, sondern fast immer für zwei konkrete Phasen: die erste Intifada (ab 1987 bis Anfang der 1990er) und die zweite Intifada (ab 2000), die oft auch als Al Aqsa Intifada bezeichnet wird.
Und genau hier liegt der Knackpunkt: In der Theorie kann „Aufstand“ vieles heißen, Streiks, Boykotte, Demonstrationen, ziviler Ungehorsam. In der historischen Realität dieses Konflikts ist „Intifada“ aber eben nicht nur Protest mit Plakaten, sondern ein Begriff, der in diesen Phasen eng mit Eskalation und Gewalt verknüpft war. Selbst die knappe historische Einordnung zur ersten Phase beschreibt, dass es nicht bei symbolischem Protest blieb, sondern dass es zu anhaltenden Unruhen und Konfrontationen kam, siehe Britannica zur ersten Intifada.
Spätestens bei der zweiten Intifada wird das noch deutlicher, weil diese Phase international stark mit schweren Anschlägen verbunden ist, darunter auch Selbstmordanschläge gegen Zivilisten. Dass diese Angriffe dokumentiert und juristisch bewertet wurden, kann man zum Beispiel bei Human Rights Watch nachlesen.
Eine Intifada ist nicht automatisch gleich Terror, aber die beiden großen Intifada‑Phasen sind historisch nun mal auch mit systematischem Terror gegen Zivilisten verknüpft – wer das ausblendet, redet nicht über Freiheit, sondern über eine geschönte Version der Geschichte.
Wenn man also heute sagt, die Intifadas seien einfach „friedliche Massendemonstrationen“ gewesen, dann ist das nicht „eine andere Perspektive“, sondern eine verkürzte Erzählung, die einen wesentlichen Teil der historischen Realität ausblendet. Und genau deshalb brennt der Begriff politisch: Weil er nicht nur „Aufstand“ bedeutet, sondern für viele Menschen eine Erinnerung an Angst, Tote und gezielte Gewalt transportiert.
Die Erste Intifada: Nicht nur Protest, nicht nur „friedlich“
Die Erste Intifada war ohne Frage eine Phase der Massenmobilisierung, mit Streiks, Boykotten, zivilem Ungehorsam und einer breiten Beteiligung, die weit über ein paar Aktivistengruppen hinausging. Genau das macht sie historisch so bedeutsam. Gleichzeitig war sie eben nicht das, was manche heute daraus machen wollen, nämlich ein durchgehend friedlicher Protestmarsch mit moralischem Glanzfilter.
Wer in die zeitgenössischen Beschreibungen schaut, findet schnell den Grund: Es blieb nicht bei Plakaten und Parolen. Es gab Unruhen, Straßenschlachten und gewaltsame Konfrontationen, etwa Steinwürfe gegen israelische Soldaten, auf die Israel mit Festnahmen, Ausgangssperren, Schulschließungen und teils harter Gewalt reagierte. Genau diesen Mix aus Protestformen und Eskalation beschreibt auch Britannica in der Darstellung der Ereignisse und der Reaktionen.
Besonders wichtig für die Faktenlage sind die Opferzahlen und die Altersstruktur der Verletzten. Laut Britannica wurden im ersten Jahr der Intifada mehr als 300 Palästinenser getötet und mehr als 11.500 verletzt, nahezu zwei Drittel davon waren unter 15 Jahre alt. Das ist keine Fußnote, das ist die Realität einer Bewegung, die in eine Gewaltspirale geriet, mit einer extrem hohen Zahl verletzter Minderjähriger.
Auch später blieb die Lage tödlich. Britannica verweist darauf, dass das Internationale Rote Kreuz bis Mitte 1990 von mehr als 800 durch israelische Sicherheitskräfte getöteten Palästinensern ausging, mehr als 200 davon waren unter 16, während im Vergleich weniger als 50 Israelis getötet worden seien. Diese Zahlen zeigen ziemlich deutlich, warum die pauschale Erzählung vom „friedlichen Massenprotest“ zu kurz greift.
Dazu kommt ein Aspekt, der in Social Media fast immer unter den Teppich gekehrt wird, weil er nicht in die Heldenstory passt: interne Gewalt. In derselben Darstellung wird erwähnt, dass Hunderte Palästinenser, die als Kollaborateure beschuldigt wurden, von Landsleuten getötet wurden. Auch das gehört zur Geschichte, so unbequem es ist. Für den breiteren Menschenrechtskontext dieser Jahre wird ergänzend häufig auf Dokumentationen wie die von B’Tselem verwiesen.
Heißt unterm Strich: Man kann die politische Dimension der Ersten Intifada benennen, man kann Ursachen und Motive diskutieren, alles legitim. Aber „friedliche Massendemonstrationen“ als Gesamtlabel ist eine Beschönigung, die den Verlauf glattbügelt und den zentralen Punkt verfehlt, nämlich dass diese Phase zugleich Protest und Gewalt war, mit realen Opfern auf beiden Seiten.
Die Zweite Intifada: Terror gegen Zivilisten war kein Randthema
Spätestens bei der Zweiten Intifada wird die „friedlich“ Erzählung endgültig unhaltbar. Human Rights Watch dokumentiert für den Zeitraum 1. Januar 2001 bis 31. August 2002 allein 48 Selbstmordanschläge, die sich gegen israelische Zivilisten richteten, und bewertet diese als schwere Verbrechen, einschließlich Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Auch Zahlen zu den Opfern zeigen, wie stark Zivilisten betroffen waren. B’Tselem fasst für zehn Jahre ab 2000 zusammen: Palästinenser töteten 1.083 Israelis, davon 741 Zivilisten, darunter 124 Minderjährige.
Und es geht nicht nur um „irgendwelche Zahlen“, sondern um die Art der Gewalt. Das INSS zeigt, wie zentral Selbstmordanschläge für die Todeszahlen waren, und wie sehr diese Form der Gewalt den Alltag traf. Ergänzend dazu analysiert auch das International Institute for Counter-Terrorism die Rolle und Entwicklung dieser Anschlagswelle.
Das ist der Punkt, den viele in der Social Media Version gern überspringen: Wenn ein Begriff historisch mit einer Phase verknüpft ist, in der Busse, Cafés und Straßen wiederholt Ziele tödlicher Angriffe wurden, dann klingt „globalize“ nicht nach „weltweiter Protest“, sondern nach Wiederholung und Ausweitung dessen, was damals passiert ist.
Warum „Globalize the Intifada“ von vielen als Drohung verstanden wird
Der Satz wirkt auf manche wie ein politischer Kampfruf. Auf jüdische Communities wirkt er oft wie etwas anderes, nämlich wie eine indirekte Gewaltankündigung. Der American Jewish Committee erklärt, dass die Intifadas in ihrer bekanntesten Ausprägung stark mit Gewalt verbunden waren, und dass der Slogan deshalb häufig so verstanden wird, dass er aggressive „Resistance“ nicht nur gegen Israel, sondern auch gegen Juden und Institutionen, die Israel unterstützen, anfeuern kann, selbst wenn einzelne Nutzer etwas anderes „meinen“.
Und hier kommt die unangenehme Wahrheit über politische Sprache: Absicht ist nicht alles. Wirkung zählt. Wer weiß, wie der Begriff „Intifada“ historisch aufgeladen ist, und trotzdem „Globalize“ davorsetzt, entscheidet sich gegen Präzision und für maximale Eskalation.
Israelkritik oder Intifada Romantik: Das ist nicht dasselbe
Man kann Israels Regierung kritisieren, die Siedlungspolitik kritisieren, Militäreinsätze kritisieren, das ist in Demokratien normal. Und es ist auch nicht automatisch „Hass“, nur weil jemand Israel kritisiert. Der Unterschied beginnt da, wo Kritik nicht mehr über konkrete Entscheidungen spricht, sondern über Codesprache und Kampfslogans, die historisch an Gewaltphasen gekoppelt sind.
„Globalize the Intifada“ ist eben kein sachlicher Satz wie „Ich bin gegen diese oder jene Politik“. Der Spruch ist ein Identitätsmarker. Er signalisiert Zugehörigkeit, Härte, Frontstellung. Und er lädt die Debatte absichtlich auf, weil „Intifada“ in der Wahrnehmung vieler Menschen nicht nach „Demo“, sondern nach Gewaltphase klingt. Genau deshalb wird der Slogan von Organisationen wie AJC Translate Hate als Ausdruck eingeordnet, der wegen der historischen Realität der Intifadas häufig als Ermutigung zu Gewalt verstanden wird, selbst wenn einzelne behaupten, sie meinten nur „Protest“.
Das ist nicht nur ein Gefühlsthema, sondern längst politisch dokumentiert. Eine Resolution im US Repräsentantenhaus verurteilt den Slogan ausdrücklich als Aufruf zu Gewalt gegen Israelis und Juden weltweit. Man muss diese Resolution nicht mögen, aber man sollte kapieren, was sie zeigt: Dieser Spruch ist so aufgeladen, dass er längst nicht mehr als neutraler Protestbegriff behandelt wird.
Wer verstehen will, warum diese Wirkung so stark ist, bekommt bei AJC eine ausführliche Erklärung, wie der Slogan an vergangene Gewalt anknüpft und warum er heute dazu beitragen kann, dass Juden und jüdische Einrichtungen ins Visier geraten. Und selbst wenn man das als „Interpretation“ abtut, bleibt ein nüchterner Fakt: Es ist ein bewusst gewähltes Reizwort, kein neutraler Appell.
Als Überblick zur Verbreitung wird oft auch Wikipedia zitiert, als Startpunkt, nicht als Endstation. Wer es sauber machen will, nutzt zuerst Primärquellen und seriöse Einordnungen, und erst danach den Wiki Überblick.
Wenn es wirklich um „weltweiten Protest“ geht, gibt es unzählige Formulierungen, die nicht wie ein Echo einer Gewaltphase wirken. Wer trotzdem ausgerechnet diesen Begriff wählt, sollte sich nicht wundern, dass er damit Menschen erreicht, die genau das hören wollen, was dieser Begriff historisch mittransportiert. Und dann ist es keine „Israelkritik“ mehr, dann ist es Intifada Romantik, und die endet selten bei Sitzblockaden.
Kann man das trotzdem „nur“ als Protest meinen?
Klar, Menschen können vieles meinen. Manche benutzen „Intifada“ im Kopf als „Aufstand gegen Unterdrückung“, ohne sofort an die konkreten Gewaltbilder zu denken, die bei anderen direkt mitlaufen. Rein sprachlich ist das möglich, siehe Britannica.
Nur ist Politik kein Wörterbuch, sondern Kommunikation mit historischer Last. In der Realität steht „Intifada“ eben nicht nur für Protest, sondern für zwei große Phasen, die auch durch Gewalt geprägt waren. Das gilt schon für die erste Intifada, und es gilt erst recht für die zweite, die nachweislich massiv mit Terror gegen Zivilisten verbunden ist, siehe Human Rights Watch und B’Tselem.
Deshalb ist „Globalize the Intifada“ politisch ungefähr so klug, als würdest du „Globalize den Häuserkampf“ rufen und dich dann wundern, dass Leute nicht an Sitzblockaden denken. Wenn ein Begriff in der jüngeren Geschichte so stark mit Gewalt gegen Zivilisten verbunden ist, dann ist das Minimale, was man schuldet: präzise Sprache.
Und hier kommt der Kern, den viele ausblenden: Absicht ist nicht gleich Wirkung. Du kannst persönlich „Protest“ meinen, aber du benutzt eine Formulierung, die bei vielen, besonders bei Juden, als Drohsignal ankommt. Wer das weiß und trotzdem dabei bleibt, nimmt in Kauf, dass der Satz als Legitimierung von Gewalt verstanden wird, genau darum drehen sich die Einordnungen von AJC und ADL.
Einordnung
Die Behauptung, die Intifadas seien „friedliche Massendemonstrationen“ gewesen, ist in dieser Pauschalität nicht haltbar. Ja, es gab in der ersten Intifada Streiks, Boykotte und zivilen Ungehorsam, aber ebenso Unruhen, Gewalt und Eskalation, wer das komplett ausblendet, erzählt keine Geschichte, sondern ein Wunschkonzert. Für den breiteren Menschenrechtskontext dieser Jahre wird häufig auf Dokumentationen wie die von B’Tselem verwiesen.
Bei der zweiten Intifada wird die „friedlich“ Erzählung endgültig zur Nebelkerze. B’Tselem fasst für den Zeitraum ab September 2000 zusammen, dass Palästinenser 1.083 Israelis töteten, darunter 741 Zivilisten, von denen 124 Minderjährige waren. Das sind Zahlen, die man nicht mit „war halt Protest“ wegwischen kann.
Und es geht nicht nur um Opferzahlen, sondern um die Methode. Human Rights Watch dokumentiert für den Zeitraum 1. Januar 2001 bis 31. August 2002 allein 48 Selbstmordanschläge gegen israelische Zivilisten und bezeichnet diese als schwere Verbrechen, einschließlich Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das ist der Kern, wenn Menschen „Intifada“ hören, denken sie nicht an Sitzkreis, sondern an eine Gewaltphase mit gezielten Angriffen auf Zivilisten.
Dass der Zusammenhang real ist, zeigt auch die strategische Analyse: In der INSS Studie „The Rise and Fall of Suicide Bombings in the Second Intifada“ steht, dass es seit Ende September 2000 146 Selbstmordangriffe gab, und dass im Jahrzehnt seit September 2000 516 von 1.178 Todesfällen, also 43,8 Prozent, durch Suizidanschläge verursacht wurden. Ergänzend ordnet das International Institute for Counter-Terrorism die Entwicklung und Wirkung dieser Anschlagswelle ein.
Und genau deshalb ist „Globalize the Intifada“ nicht „harmlos“, weil es nicht im luftleeren Raum steht, sondern an diese Geschichte andockt. Die Einordnungen von AJC und ADL betonen genau diese Wirkung, der Spruch wird häufig als Ermutigung zu Gewalt verstanden und trägt dazu bei, dass Juden und jüdische Einrichtungen als Zielscheibe markiert werden. Dass das politisch längst genauso gelesen wird, zeigt auch eine Resolution im US Repräsentantenhaus, die den Slogan als Aufruf zu Gewalt gegen Israelis und Juden weltweit verurteilt.
Wer diesen Slogan als unproblematischen Aktivismus verkauft, betreibt keine Aufklärung, sondern sprachliche Schönfärberei. Und in einem Klima, in dem Juden weltweit wieder stärker bedroht werden, wirkt genau so ein Spruch nicht wie Politik, sondern wie ein Wink mit dem Zaunpfahl.
